Mit Harley, Indian & Rollstuhl nach Rimini

Drei Freunde und eine Rollstuhlfahrerin

Eine Rollstuhlfahrerin macht Mut, steigt auf die Harley und lässt sich voller Genuss als Sozia nach Rimini fahren. Ich muss ehrlich  gestehen, dass ich mir dies gar nicht so recht vorstellen konnte. Tina, so heisst besagte Rollstuhlfahrerin, hat mich tief beeindruckt und lässt so einiges in einem anderen Licht erscheinen. Aber nun mal der Reihe nach:

 

Stephan

Stephan & Andreas (Swizzlybiker) im Konvoi an der Reunion in Rimini

Stephan & Andreas (Swizzlybiker) im Konvoi an der Reunion in Rimini (http://www.reunionrimini.it)

Stephan ist ein Hotelierskollege, mit dem ich nun schon seit einigen Jahren befreundet bin. Im letzten Jahr, als ich mein Sabbatical begann, die ersten Fahrkilometer auf meiner Indian von Kreuzlingen nach Lugano absolvierte um die Swiss Harley Days zu besuchen, war auch er zur Stelle. Stephan, seine Tina (welche ich allerdings erst in Lugano kennenlernte) und Ernesto (ein weiterer guter Freund) waren für mich da, als es mir, trotz dem Luxus einer nigelnagelneuen Indian, nicht besonders freudig zu Mute war. Ich werde diese Swiss Harley Tage nicht zuletzt, bzw. vor allem(!) aus dem Grunde immer in guter Erinnerung behalten, weil mir Freunde zur Seite standen! Danke liebe Freunde!

Stephan ist Hotelier & Harleyfahrer mit Leib und Seele und trotzdem kein sturer Purist und sehr offen gegenüber allen Motorradmarken. Er befasst sich gerne mit der Geschichte und der Entwicklung von Motorrädern und Autos und ist für mich in diesen Dingen ein wandelndes Lexikon.

Ernesto

Ernesto im Maggiatal im Antica Osteria Dazio in Fusio-Mogno im Maggiatal/ITA (www.osteriadazio.ch)

Ernesto im Maggiatal im Antica Osteria Dazio in Fusio-Mogno im Maggiatal/ITA (www.osteriadazio.ch)

Ernesto ist ein alter Freund aus meinen USA-Zeiten, sass zuvor meines Wissens noch nie auf einem Töff und hat spontan zugesagt, als ein paar eingefleischte Harleyfahrer mich und ihn einluden, gemeinsam per Harley bzw. Indian einen Ausflug ins Maggiatal zu unternehmen. Da ich noch den L hinten an der Nummer tragen musste, durfte ich Ernesto nicht auf meiner bequemen Sitzbank Platz nehmen lassen.

Ernesto, Andreas, Manfred, Sepp und Ruedi auf Tour im Maggiatal

Ernesto, Andreas, Manfred, Sepp und Ruedi auf Tour im Maggiatal

 

Mit seinen damals 65 Jahren erklärte er sich spontan bereit, sich auf Manfreds (ein Harleyfahrer, welchen wir in Lugano kennenlernten und mit welchem ich noch heute in Kontakt stehe) „kleine“ Harley CVO Dyna 2008 (leider nicht auf dem Bild) zu setzen und die Fahrt mitzumachen. Ich hoffe sehr, dass ich ebenfalls etwas von dieser unkomplizierten Spontanität werde behalten können, wenn ich dann in ein paar Jahren hoffentlich ebenfalls, mit nicht wesentlich mehr „Bräschte“ als heute, werde 65 Jahre alt werden dürfen.

Tina

Tina begutachtet meine Indian Roadmaster

Tina begutachtet meine Indian Roadmaster

 

Tina, die Partnerin von Stephan, habe ich wie gesagt im letzten Jahr in Lugano erst kennengelernt. Wie Stephan eine Paraplegikerin mit Rollstuhl auf seine damalige „kleine“ Harley Nightrod Special bringen wollte, war mir schlicht schleierhaft. Er kam dann aber mit einer lebensfrohen, stets gut gelaunten und zu einem Spässchen aufgelegten Tina mitsamt Rollstuhl daher. Er hat mir aber gestanden, dass er Stunden- und Nächtelang an einer Lösung für diese „Transportherausforderung“ getüftelt hat.  Tina war und ist anzusehen, dass sie diese Fahrten in vollsten Zügen geniesst.

Tina & Stephan mit Rollstuhl auf einer Indian Nightrod Special!

Tina & Stephan mit Rollstuhl auf einer Harley Davidson Nightrod Special!

Das nun mal so als Einleitung und um Euch einen groben Überblick über die beteiligten Personen zu verschaffen. Denn jetzt kommt der eigentliche Teil der Geschichte. Tina hat mir bereitwillig Auskunft über die Themen Paraplegie, Rollstuhl, Reisen und Motorrad erteilt und mir erlaubt, die Informationen in meinem Blog weiterzugeben.

(Lebens-)Reisen mit dem Rollstuhl

Tina ist eine Frau in den späten Vierzigern und hat mit 18 Jahren mit ihrem damaligen Freund einen Motorradunfall erlitten und ist seither ab unterhalb der Brust komplett gelähmt. Es folgten eine fünfmonatige Rehazeit in der Universitätsklinik Heidelberg und weitere 3 – 4 Jahre, bis sie dieses harte Schicksal angenommen und sich damit arrangiert hat.

Tina mit Spezialsatter auf ihrem Pferd

Tina mit Spezialsatter auf ihrem Pferd

Nach diesen Jahren hat Tina versucht, die Grenzen auszuloten und hat so einiges ausprobiert, das man als „gehender“ Mensch wohl nicht für möglich halten würde. Folgende Sportarten hat sie ausgeführt oder führt sie noch aus: Reiten (mit Spezialsattel), Handbike fahren, Monoski fahren, Langlaufen und Schwimmen. Im weiteren hat sie sich einer Behindertensportgruppe angeschlossen, um sich mit ebenfalls Betroffenen austauschen zu können.

Auch sonst lebt Tina von aussen betrachtet ein ganz normales Leben. Sie fährt Auto mit einem umgebauten Citröen Berlingo, kann ohne Hilfe (für welche sie aber immer dankbar ist!) den Rollstuhl im Auto verstauen und auch wieder hervornehmen. Sie geht in die Sauna und führt seit vielen Jahren einen Haushalt u.a. mit zwei Kindern, welche inzwischen aber auch schon 22 und 17 Jahre alt sind.

Wie kann ein Mensch mit so einem Schichsalsschlag, diesen so gut verarbeiten und das Leben weiterhin so bejahend geniessen? Tina befasst sich eingehend mit esoterischen Themen und hat sich dadurch gewisse Meditationstechniken angeeignet, welche es ihr ermöglichten, den erlittenen Unfall und die Folgen davon verarbeiten zu können. Mit Hilfe dieser Techniken wurde Tina wieder eine fröhliche und lebensbejahende Frau. Ich bin tief beeindruckt und tue mich schwer, dies alles in die richtigen Worte zu fassen. Ich hoffe, Du, liebe Leserin, lieber Leser, verstehst meine Aussagen und kannst das Geschriebene nachvollziehen.

Im Jahr 2013 hat sie ihren jetzigen Lebenspartner, meinen Freund Stephan kennengelernt. Wie die beiden zusammengefunden haben, hat mich berührt! Da ist eine gelähmte Frau, welche ihre Paraplegie durch den Sturz von einem Motorrad davongetragen hat und das Motorrad seither verständlicherweise meidet, und auf der anderen Seite ist ein eingefleischter Biker, welcher nun auf diese, auf den ersten Blick immobile Rollstuhlfahrerin trifft, und beide – so unterschiedlich sie auf den ersten Blick sein mögen – verlieben sich ineinander und brechen gemeinsam auf zu neuen (Lebens-)Reisen!

Tina & Stephan 2015 auf dem Rückweg mit ihrer Harley Davidson Nightrod Special nach Hause von den Swiss Harley Days in Lugano

Tina & Stephan 2015 auf dem Rückweg mit ihrer Harley Davidson Nightrod Special nach Hause von den Swiss Harley Days in Lugano

Jedenfalls bewirkte die Liebe, dass Tina unbedingt mal wieder auf ein Motorrad steigen wollte. Und da sie Stephan ja inzwischen vorbehaltlos vertraute, war er der Richtige für dieses Vorhaben. Stephan seinerseits war zuerst etwas ob der Vorstellung über die zu tragende Verantwortung verunsichert, machte sich dann aber mit Vehemenz, Herzblut und viel Geduld an die Lösung des Problems, wie man einen Rollstuhl mit Starrrahmen auf einer noch zu entwickelnden Platte befestigen kann.

Stephan & Tina auf ihrer neuen Harley Davidson Roadglide Ultra auf dem Fernpass/AUT auf Fahrt Richtung Rimini. Rollstuhl im Top-Case, Räder obendrauf!

Stephan & Tina auf ihrer neuen Harley Davidson Roadglide Ultra auf dem Fernpass/AUT auf Fahrt Richtung Rimini. Rollstuhl im Top-Case, Räder obendrauf!

Inzwischen haben sich die beiden einen zusammeklappbaren und auseinandernehmbaren Rollstuhl sowie eine Harley Davidson Roadglide Ultra gekauft. Diese Maschine macht erstens viel Spass zum Fahren, hält durch die Sitzpolsterung, die seitlich am Soziussitz montierten Lautsprecher und das fix montierte Topcase, die Sozia sicher auf ihrer Position und der Rollstuhl der Marke ProActive Traveler passt genau ins Top-Case rein. Die Ideallösung für das Paar Tina & Stephan!

Harley Davidson Roadglide Ultra mit Rollstuhl vs Indian Roadmaster mit Rollstuhl

Wir haben übrigens auch meine Indian Roadmaster  auf seine „Rollstuhlfähigkeit“ getestet. Die Sozia ist seitlich durch die etwas anders montierten Lautsprecher nicht so gut fixiert im Sitz wie bei der Harley, was die Anbringung der im Zubehör erhältlichen Armlehnen notwendig machen würde. Da der Rollstuhl bei der Roadmaster nicht ins Top-Case passt, haben Stephan, Tina und ich kurz geschaut, ob der Rollstuhl irgendwie auf das fix montierte Luggage-Rack (Gepäckträger auf dem Top-Case) meiner Indian würde montiert werden können. Fazit von Stephan: Ja, das wäre ohne weiteres lösbar.

Harley Davidson Roadglide Ultra vs Indian Roadmaster

Harley Davidson Roadglide Ultra vs Indian Roadmaster

Stephan hat zwar grosse Freude an seiner neuen Harley, liebäugelt aber dennoch mit einem Wechsel zur Indian Roadmaster, auch wenn diese in Sachen Platzverhältnissen im Top-Case einige Abstriche in Kauf nehmen muss. Ich hingegen würde gerne mal auf einer Harley Davidson Roadglide Ultra eine Ausfahrt machen. Leider aber wurde aus diesem geplanten Ritt nichts. Wie in meinem Blogbeitrag „Traumabenteuer von Harley-Davidson?“ beschrieben, wurde ich kurzerhand von dem Vergnügen ausgeschlossen. Ob ich den hiesigen Harley-Händlern wohl zu sehr Indian-Fan bin? Keine Ahnung. Vielleicht ergibt sich ja dann mal eine andere Möglichkeit dazu. Würde mich freuen! 😉 An dieser Stelle möchte ich mal die Marken Honda (in meiner Gegend kompetent durch GL Moto in Wilderswil vertreten), BMW, Yamaha, Suzuki und Kawasaki (anwesend an den Oberländer Töfftagen im TCS Verkehrssicherheitszentrum Stockental) löblich erwähnen. All diese haben mir ohne Wenn und Aber eine Probefahrt zugestanden, auch wenn sie wussten, dass ich bereits im Besitz einer BMW R 1200 GS sowie einer Indian Roadmaster bin. Chapeau und besten Dank! 🙂

Motorradreisen mit dem Rollstuhl

Tina und Stephan haben mir beide Auskunft darüber erteilt, was das Reisen mit dem Rollstuhl bringt, und welche Herausforderungen zu bewältigen sind.

Vor allem bringt diese Art des Reisens ein Stück weit „Normalität“ in Tinas Alltag. Sie verspürt das „Luxusgefühl“ der Freiheit. Alles andere könnte auch von zwei Gehenden Personen beschrieben worden sein. Da werden der Spass am gemeinsamen Hobby, die frische Luft, die schöne Natur und vieles andere mehr als Motivation für’s Motorradfahren erwähnt.

Die Challenge beim Reisen mit Rollstuhl besteht darin, dass bei Pausen und bei Unterkünften darauf geachtet werden muss, dass die Toiletten rollstuhlgängig sind. Auch die Hotels werden in aller Regel im Voraus gebucht, damit sichergestellt werden kann, dass die Zimmer und deren Nasszellen ebenfalls rollstuhlgängig sind, wobei Stephan hier öfter auch mal bei gewissen Mängeln in der Rollstuhlgängigkeit des Zimmers helfend zur Seite stehen kann. Ansonsten verläuft so eine Reise, was ich ja jetzt aus eigener Erfahrung berichten kann, normal wie bei jeder anderen Reise auch.

Reaktionen der Mitmenschen auf die Harley mit Rollstuhl

Gemäss Tina & Stephan waren bisher die Reaktionen immer sehr positiv. Ich selbst konnte miterleben, wie wildfremde Menschen die beiden fotografiert haben. Vielleicht nicht zuletzt wegen des prominent aufgenähten grossen Harley-Stickers auf Tinas Rollstuhl.

Beide konnten mir bereits viele Anekdoten ihrer Reisen berichen, was aber den Rahmen dieses Blogs sprengen würde. Trotzdem will ich noch erwähnen, dass die beiden an der European Bike Week am Faaker See waren und überwältigt waren von der Hilfsbereitschaft der dort anwesenden Bikern. Biker für Biker war hier also mehr als nur eine Worthülse!

Mut für RollstuhlfahrerInnen

Tina hat mich gebeten, an dieser Stelle allen Rollstuhlfahrern und auch anderen Menschen mit Behinderungen und/oder deren Töfffahrenden Partnern folgendes mitzugeben: Habt Mut, probiert eine Fahrt aus, und wenn ihr’s geniessen könnt, geht auf Reisen und geniesst das Stück neu gewonnene Freiheit.

Rimini Reunion

Das ist nun das Ende meines Blogs über meine Reise mit Tina und Stephan an die Reunion nach Rimini. Impressionen zur Reunion findet Ihr übrigens auf meiner Facebooksite  www.facebook.com/SwizzlyBiker/.

Alles Gute und ride safe!

2 Gedanken zu “Mit Harley, Indian & Rollstuhl nach Rimini

  1. Pingback: SwizzlyBikerMotorcycling Blogger, Tourguide & Freelancer. Alpine Tours, Hotels & Restaurants.Challenges: Pässemarathon, Pässewettbewerb, Passknacker & Co.

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